Führen oder zurückhalten: der grundlegende Unterschied
Die meisten Elemente einer Baustellenabsicherung führen den Verkehr. Leitbaken, Leitkegel und Absperrschranken zeigen dem Fahrer optisch, wo die Fahrbahn verläuft. Kommt ein Fahrzeug von der Spur ab, fährt es sie einfach um. Eine transportable Schutzeinrichtung dagegen soll ein abkommendes Fahrzeug tatsächlich aufhalten oder umlenken. Sie schützt die Menschen im Arbeitsbereich, den Gegenverkehr oder Dritte neben der Straße.
Bauarten gibt es mehrere: Betonfertigteile, die zu einer durchgehenden Wand gekoppelt werden, Stahlsysteme mit verbundenen Elementen und mit Wasser gefüllte Kunststoffelemente, die jedoch nur dann Rückhaltewirkung haben, wenn sie als solche geprüft sind. Begrifflich gehören sie zur Familie der Fahrzeugrückhaltesysteme. Eine kurze Begriffsklärung finden Sie im Glossar unter Transportable Schutzeinrichtung.
Wer über den Einsatz entscheidet
Eine pauschale Regel nach dem Muster „ab Geschwindigkeit X immer Betonwand“ gibt es nicht. Ob eine Schutzeinrichtung erforderlich ist, ergibt sich aus der RSA 21 in Verbindung mit den Vorgaben der Straßenbauverwaltung und wird im Einzelfall geplant. Der Antragsteller sieht sie im Verkehrszeichenplan vor, die Behörde nimmt sie in die verkehrsrechtliche Anordnung auf oder verlangt sie als Auflage. Ist sie dort festgelegt, ist sie für die Arbeitsstelle verbindlich.
Bei Bundesautobahnen und vielen Bundesstraßen geben die Straßenbauverwaltungen zusätzlich eigene Vorgaben heraus, welche Systeme sie akzeptieren. Wer ausschreibt oder anbietet, sollte daher früh klären, welches System gefordert ist. Ein späterer Wechsel kostet Zeit, weil Länge, Anfangs- und Endausbildung und der benötigte Platz voneinander abhängen.
Typische Situationen, in denen eine Schutzeinrichtung verlangt wird
Auch ohne feste Schwellenwerte lassen sich Konstellationen benennen, in denen Behörden und Planer regelmäßig auf eine Schutzeinrichtung setzen. Allen gemeinsam ist, dass die Folgen eines abkommenden Fahrzeugs besonders schwer wären:
- Trennung von Gegenverkehr auf Autobahnen, wenn beide Richtungen auf einer Fahrbahn geführt werden
- Arbeitsbereiche an schnell befahrenen Straßen, an denen der nötige Sicherheitsabstand zum Verkehr nicht eingehalten werden kann
- Tiefe Baugruben, offene Brückenkappen oder Absturzkanten direkt neben dem Fahrstreifen
- Schutz von Gerüsten, Stützen oder Behelfsbauwerken vor Anprall
- Arbeitsstellen längerer Dauer mit hohem Lkw-Anteil, bei denen Leitelemente allein nicht ausreichen
Ein Beispiel aus dem Norden: Bei einer Brückensanierung an einer Autobahn in Mecklenburg-Vorpommern wird der Verkehr über eine Mittelstreifenüberfahrt auf die Gegenfahrbahn geleitet. Die beiden Richtungen fahren nun auf einer Fahrbahn nebeneinander. Eine Leitbakenreihe würde ein ins Schleudern geratenes Fahrzeug nicht stoppen, deshalb trennt eine durchgehende Schutzeinrichtung die Richtungen. Mehr zu solchen Lagen im Ratgeber Kontrollfahrten an Brückenbaustellen.
Aufhaltestufe, Wirkungsbereich und Platzbedarf
Die Leistungsfähigkeit einer Schutzeinrichtung wird über Anprallprüfungen nach der europäischen Normreihe DIN EN 1317 beschrieben. Für vorübergehend eingesetzte Systeme gibt es eigene Aufhaltestufen, die mit T bezeichnet werden. Daneben beschreibt der Wirkungsbereich, wie weit sich die Einrichtung beim Anprall seitlich verschieben oder verformen kann. Beides gehört zusammen: Eine Wand mit hoher Aufhaltestufe nützt wenig, wenn dahinter kein Platz für die Verformung ist.
Daraus folgt eine wichtige Regel für die Praxis. Der Raum hinter der Wand muss so frei bleiben, wie es der Wirkungsbereich verlangt. Steht dort ein Container, ein Bagger oder ein Materiallager, wird die Wand beim Anprall in dieses Hindernis gedrückt. Die TL-Transportable Schutzeinrichtungen und die Herstellerangaben legen fest, wie das jeweilige System aufzubauen ist.
| Begriff | Bedeutung | Praktische Folge |
|---|---|---|
| Aufhaltestufe | Welche Fahrzeuge unter welchen Prüfbedingungen aufgehalten werden | System muss zur Anforderung der Anordnung passen |
| Wirkungsbereich | Seitliche Verschiebung beim Anprall | Freiraum hinter der Wand einplanen und freihalten |
| Anfangs- und Endausbildung | Gestaltung der Enden, etwa mit Anpralldämpfer oder Absenkung | Stumpfe Enden im Verkehrsraum vermeiden |
| Kenntlichmachung | Rückstrahler oder Leitelemente auf der Wand | Wand auch nachts klar erkennbar |
Die Wand im Betrieb: worauf es bei Kontrollen ankommt
Eine Schutzeinrichtung wird aufgebaut, abgenommen und dann gern vergessen. Dabei verändert sie sich im Betrieb durchaus. Leichte Anpralle, Schneeräumung, Bauverkehr und Setzungen im Untergrund hinterlassen Spuren. Weil eine beschädigte Wand ihre Wirkung im nächsten Anprall nicht mehr voll entfalten kann, gehört sie fest in jede Kontrolle an Autobahnbaustellen. Bei der Durchfahrt und, wo möglich, beim Abgehen kritischer Stellen sollten diese Punkte geprüft werden:
- Durchgehende Linie ohne Versatz, Knick oder Lücke zwischen den Elementen
- Kupplungen, Bolzen und Verbindungsteile vollständig und fest
- Anprallspuren, Reifenabrieb, Risse und Abplatzungen am Beton
- Anpralldämpfer an den Enden unbeschädigt und in Position
- Rückstrahler und Leitelemente auf der Wandkrone vollständig und sauber
- Freiraum hinter der Wand ohne abgestellte Geräte oder Material
- Entwässerung: kein Wasserstau vor der Wand, der nachts wie eine Fahrbahn aussieht
Anprallspuren sind ein besonders wertvoller Hinweis. Sie zeigen, dass an dieser Stelle Fahrzeuge die Wand berühren, und das ist oft ein Anlass, die Verkehrsführung davor noch einmal anzusehen.
Wenn ein Schaden festgestellt wird
Schäden an einer Schutzeinrichtung sind nicht mit einer umgefallenen Bake vergleichbar. Ein verschobenes Betonelement lässt sich nicht von Hand zurücksetzen, und eine gelöste Kupplung muss nach den Vorgaben des Herstellers neu verbunden werden. Kontrollfahrer stellen den Schaden fest, halten ihn fest und melden ihn sofort an die Bauleitung oder den Verkehrssicherer. Die Instandsetzung übernimmt das Unternehmen, das die Schutzeinrichtung gestellt hat.
Für die Haftungsfrage zählt, wann der Schaden bekannt war und wie schnell reagiert wurde. Eine Meldung mit Uhrzeit, Kilometerangabe und Foto ist hier mehr wert als jede Beschreibung im Nachhinein. Wie Sie nach dem Fund eines Mangels sinnvoll vorgehen, beschreibt der Ratgeber Mangel gefunden: was jetzt?.
Planungshinweise für Bauleitungen
Einige Punkte erleichtern den Betrieb einer Arbeitsstelle mit Schutzeinrichtung erheblich. Klären Sie vor Baubeginn, wo Baustellenzufahrten in der Wand vorgesehen sind und wie diese Lücken gesichert werden. Legen Sie fest, wer nach einem Anprall prüft und instand setzt, auch am Wochenende. Planen Sie Lagerflächen so, dass der Wirkungsbereich frei bleibt. Und sorgen Sie dafür, dass die Wand bei Wintereinsatz nicht als Schneelager genutzt wird.
Staffsec kontrolliert solche Arbeitsstellen mit MVAS-geschulten Kontrollfahrern, dokumentiert den Zustand der Schutzeinrichtung mit Foto, Zeitstempel und GPS-Bezug und meldet Befunde über die eigene 24/7-Leitstelle an die Bauleitung.